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Vaginismus & Ergotherapie

Ein Interview mit Katja Stolte

Über Katja Stolte:

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Katja Stolte ist Ergotherapeutin mit Schwerpunkt auf psychische sowie sexuelle Gesundheit und arbeitet als Dozentin für Sexualpädagogik für die Therapieberufe Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie. Sie hostet außerdem ihren Podcast „Coitoergosum: Dein Podcast für einen souveränen Umgang mit Sexualität“.

​​​​​​​Über Vanessa: 

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Vanessa ist Mitgründerin der Vaginismus Selbsthilfegruppe in Hamburg. Seit vielen Jahren setzt sie sich intensiv mit dem Thema Vaginismus auseinander. Heute setzt sie sich dafür ein, mehr Aufmerksamkeit für dieses oft tabuisierte Thema zu schaffen. In den Blogbeiträgen „Bildet Banden“ und „Abstriche machen“ gibt sie Einblicke in ihre Geschichte.

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​Vanessa:  Ich freue mich sehr, dass wir heute miteinander sprechen können und du dir die Zeit nimmst. Mich interessiert es total, wie du dazu gekommen bist, als Ergotherapeutin deinen Schwerpunkt auf sexuelle Gesundheit zu legen.

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Katja: Im Ergotherapie-Studium habe ich schnell gemerkt, dass das Thema Sexualität fehlt. Besonders deutlich wurde mir das in einem Praktikum, in dem meine Anleiterin völlig überfordert mit dem Thema war – kein Wunder, denn wir alle hatten es nie gelernt, über das Thema zu sprechen. Das hat mein Interesse erst richtig geweckt und dazu geführt, dass ich meine Bachelorarbeit darüber geschrieben habe.

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Vanessa: Voll gut, dass du dann einen Weg gefunden hast, über diese Themen zu sprechen und Aufklärung zu leisten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich keine Ahnung hatte, was Ergotherapie überhaupt bedeutet. Kannst du mir erklären, was Ergotherapie mit Sexualität zu tun hat? 

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Katja: Viele Menschen fragen sich, was Ergotherapie ist – da bist du nicht allein. In der Ergotherapie geht es darum, es Menschen zu ermöglichen, im Alltag bedeutungsvolle Betätigungen durchführen zu können. Und dazu gehört auch die Sexualität. Sexualität kann ein Bereich der Selbstversorgung sein, in dem etwas behindert, gestört, gehemmt oder eingeschränkt ist. Ich nutze gerne das Wort „verändert“, weil alles andere so klingt, als wäre etwas kaputt. 

Ich biete eine große Bandbreite für die Therapie an, z.B. sexualpädagogische Beratungen oder therapeutische Methoden. Wir arbeiten dafür mit Atemübungen oder Entspannungstechniken. Dazu starten wir zunächst mit einer Analyse des Alltags und schauen, in welchen Situationen du angespannt bist. Wir lernen gemeinsam Abgrenzungstechniken, damit nicht immer unser Körper die Grenze setzen muss, sondern wir Grenzen verbal äußern können. Bei mir gibt es also verschiedene Stellräder, über die ich in die Arbeit mit meinen Klient:innen gehen kann. 

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Vanessa: Ich muss genauer nachfragen. Was unterscheidet die Ergotherapie von der Physiotherapie in Bezug auf Vaginismus Betroffene?

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Katja: In der Abgrenzung zur Physiotherapie liegt mein Fokus weniger auf der Funktionalität der Körperstrukturen, sondern auf der psychosomatischen Ebene, Körperwahrnehmung, Selbstwahrnehmung, Kontaktgestaltung, Regulationsmöglichkeiten, Lernen von Grenzen -  alle psychoemotionalen Dimensionen werden bei mir behandelt. Auch die Selbstregulation über die Atmung beziehe ich mit ein, was sicher eine Schnittstelle mit der Physiotherapie wäre, die sich vordergründig mit der Arbeit am Beckenboden konzentrieren würde, Einbezug von Dilatoren und je nach Ausbildung sicher auch verhaltenstherapeutische Aspekte. Ich muss dazu sagen, dass die physio- und ergotherapeutische Arbeit sich teilweise auch inhaltlich und methodisch überlappen kann.

 

Vanessa: Wer gehört zu deinem typischen Klientel?

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Katja: Ich habe eine spezialisierte Praxis auf Psyche und Sexualität. Das heißt, zu mir kommen überwiegend Menschen, die eine psychiatrische Diagnose haben. Zum Beispiel Depressionen oder die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ich habe aber auch Klient:innen mit Dyspareunie, Endometriose oder Vaginismus. In der Regel sind die Menschen, die zu mir kommen, zwischen 20 und 40 Jahre alt. Ich habe aber nicht ausschließlich junge Leute - meine älteste Klientin war 76. Doch in der Regel fühlen sich jüngere Menschen von meinem Internetauftritt und meinem Sprachstil angesprochen. Es kommen auch viele Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung und Identität. 

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Vanessa: Glaubst du, dass es neben deiner Offenheit, die du präsentierst, auch andere Gründe hat, warum gerade Menschen zwischen 20 und 40 Jahren zu dir kommen? Ich frage mich, ob die jüngeren Generationen einfach offener oder auch aufgeklärter sind? 

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Katja: Es gibt, würde ich sagen, beides. Die ältere Generation kann schon durchaus auch aufgeklärter sein und manchmal lockerer darüber sprechen als die Jüngeren. Das würde ich nicht so per se sagen. Das hängt ganz viel damit zusammen, wie wir Sexualität gelernt haben, wer mit uns darüber gesprochen hat und welches Gefühl uns dabei vermittelt wird. Die jüngere Generation bekommt einfach viel mehr Wissen vermittelt. Aber gleichzeitig wissen wir auch, dass die Sexualkontakte unter den jüngeren Leuten abnehmen und dass die weniger interessiert sind an Sexualität. Und da können wir jetzt diskutieren, woran es liegt. Manchmal hat eine starke Offenheit und die vermehrte Auseinandersetzung mit Sexualität die Auswirkung, dass unser Gegenüber stark beschämt ist und da keinen Bock drauf hat. Daher ist die Entwicklung der Sexualität in der Gesellschaft wie in so Wellen.

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Vanessa: Was macht es Menschen so schwer, über Sexualität und Intimität zu sprechen? Vor allem mit Blick auf FLINTA*-Personen. 

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Katja: Genau das war damals auch meine Frage im Studium. Wieso kann meine Anleiterin im Praktikum nicht darüber sprechen? Wieso schäme ich mich jetzt auch noch mit? Die Klientin will etwas zu ihrer Sexualität wissen und keiner sagt was dazu.

Letztendlich ist Sexualität auf der einen Seite ein total intimes Thema, das nur mein Innerstes betrifft. Gleichzeitig ist es wichtig, dass mein Innerstes in Beziehung zu anderen Menschen tritt und sich da zarte, feine Gefühle entwickeln dürfen. Wenn ich dann heranwachse und merke, da kommt die Lust, da kommt eine Wut, da kommt eine Trauer, aber das alles wird gedeckelt, weil da keine Zeit, kein Verständnis oder kein Wissen von unserem Gegenüber ist. Dann wird gelernt, dass Gefühle hier irgendwie nicht erwünscht sind. Und vor allem die intensiven Gefühle werden den weiblich sozialisierten Personen weniger zugesprochen als den männlich sozialisierten Menschen. Die Folge ist dann häufig die Unterdrückung von Gefühlen - da ist dann egal, ob es eine sexuelle Lust, Freude oder Wut ist. Das wird gekappt. 

Und dann kommt es darauf an, wie uns Sexualität vorgelebt wird. Wie gehen die Eltern zu Hause mit dem Thema Nacktheit um? Wie werden Bedürfnisse versorgt und wie wird mit dem Thema Lust umgegangen? Lust kann sich dabei auf ganz viele Dinge beziehen und muss nicht nur sexuell gemeint sein. Wie darf mein Körper berührt werden, darf ich meine Körpergrenzen respektiert wissen oder gehen die Erwachsenen immer wieder darüber hinweg? 

Und dann hast du im Zweifel irgendwann eine 14- bis 20-jährige Person, die vielleicht Sexualität leben möchte und das auch tut, aber bestimmte Bilder vorgelebt bekommt  - über Medien und Pornos. Da ist dieses Zarte, das sich gerade entwickelt und vorsichtiger ausprobieren will und dann kommt da dieses Bild vom roughen und harten Sex. Das setzt sich dann erstmal alles fest. Nicht jede Entwicklung ist genau so, aber das ist natürlich das, wie es häufig passiert. 

Und jetzt wächst da eine Generation heran, die aufgeklärtere Eltern hat. Eltern, die mehr auf die Bedürfnisse eingehen, die auf Körpergrenzen achten. Aber es wird auch immer Menschen geben, die nicht so aufgeklärt sind und die haben dann einen anderen Umgang damit.

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Vanessa: Wie ist die Aufklärung, die Kinder in der Schule oder junge Erwachsene auch durch weitere Expert:innen erleben?

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Katja: Generell ist es eine Katastrophe. Aber ich habe auch sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich könnte meine Arbeit nicht machen, wenn es keine Schulen, Hochschulen und Praxen geben würde, die offen sind. Da befinden wir uns allerdings in der Erwachsenenbildung.

Aber auch mit Blick auf die Kinderbildung gab es große Verbesserungen. Da gibt es inzwischen viel mehr Menschen, die aktiv sind. Sexualpädagog:innen gehen vermehrt in Kitas und Schulen. Gleichzeitig gibt es aber eine Elternschaft, Schulen oder Parteien, die diese Aufklärung über Sexualität kritisch betrachten. Ihre Sorge: Das könnte zur Sexualisierung des Kindes führen, die dann früher Sex hätten und früher schwanger werden könnten. Das ist totaler Quatsch! Aus der Forschung wissen wir, dass genau das Gegenteil der Fall ist. 

Es gibt beides und die aktuelle Entwicklung ist ja leider auch eher Richtung Rückschritt als in Richtung Fortschritt, wenn wir uns die politische Lage angucken.

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Vanessa: Absolut. Das ist einfach nur beängstigend.

Du hast gerade darüber gesprochen, dass Emotionen im Kindes- und Jugendalter (und darüber hinaus) immer wieder abgetan oder so gedämpft werden. Ich musste da automatisch an das Gefühl von Angst denken. Angst davor, Dinge auszuprobieren. Aber auch Angst davor, Dinge zu testen und dann nicht stoppen zu können, wenn einem etwas nicht gefällt. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen zu dir in die Praxis kommen, die immer wieder über ihre Grenzen gegangen sind, weil sie sich nicht getraut haben, Stopp zu sagen. 

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Katja: Ja! Und es gibt auch die Fälle, die es gar nicht spüren, dass über ihre Grenzen hinweg gegangen wurde. Da fange ich in der Behandlung ganz woanders an. Diese Menschen müssen überhaupt erstmal ihren Körper wieder wahrnehmen, weil einige wirklich komplett abgeschnitten sind. 

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Vanessa: Hast du ein Gefühl dafür, was die Ursachen des Vaginismus bei deinen Klient:innen sind? Spielen die oben genannten Faktoren die Hauptrollen? 

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Katja: Es gibt ganz unterschiedliche biografische Hintergründe. Meist geht es um zwei Sachen. Die Selbstwahrnehmung, mich überhaupt in meinem Körper selbst zu spüren. Und dann den Selbstwert zu haben, das auch zu kommunizieren. Im besten Falle macht man dann die Selbstwirksamkeitserfahrung, dass Grenzen, die ich kommuniziere, respektiert werden.

Das Spektrum an Erfahrungen, die in der Vergangenheit liegen können, ist ja groß. Bisher wurde vielleicht gelernt: okay, Grenzen setzen bringt ja eh nichts. Es kommt zum Abspalten von Gefühlen und dann macht der Körper irgendwann dicht und sagt sich, dass wir das jetzt anders lösen. Und da müssen wir dann in der Therapie erst rankommen und das dauert seine Zeit. Das geht manchmal ganz schnell und manchmal dauert das lange - je nachdem, wie lange die Dinge zurückliegen oder was da auch an traumatischem Material liegt. Also, das ist ja dann individuell. 

Ich arbeite oft Hand in Hand mit einer Physiotherapiepraxis, die ihre physiotherapeutische Therapie zum Beispiel mit Dilatoren macht, und wenn das irgendwann an eine Grenze kommt, dann schicken sie die Menschen auch zu mir. Die Vermutung ist dann, dass da noch mehr dahintersteckt. 

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Vanessa: Das ist spannend, für mich persönlich wirkt die Reihenfolge irgendwie falsch. Wenn die betroffenen Personen unter Umständen ihren Körper noch nicht richtig wahrnehmen oder über Sexualität sprechen können, dann ist dieses Dilatoren-Training ja unter Umständen auch schon eine Grenzüberschreitung?

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Katja: Die Physios sprechen auch mit den Klient:innen. Die arbeiten auch über den Atem, den Körper und die Selbstwahrnehmung. Die Dilatoren sind im besten Falle nicht direkt der Start. Letztendlich landen Personen mit Vaginismus eher bei der Physiotherapie als bei der Ergotherapie, weil die Ergotherapie mit dem Thema Sexualität neu und unbekannt ist. Ärzt:innen wissen meist gar nicht, dass sie in dem Fall Ergotherapie verordnen können.

Das ist aber auch gut. Es gibt noch gar nicht so viele Ergos, die darauf spezialisiert sind - du brauchst ja auch ein gewisses Skillset, um damit dann umgehen zu können. Ich bin kein Fan davon, zu allen Ergotherapeut:innen zu sagen, redet über Sexualität und behandelt die Leute - ohne das nötige Hintergrundwissen.

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Vanessa: Ich stelle jetzt bewusst eine provokante Frage: Wenn du Vaginismus Betroffene behandelst, ist es dein Ziel, sie zu heilen? Die Frage gilt auch für Betroffene von beispielsweise Dyspareunie, Vulvodynie und ähnlichen Erkrankungen?

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Katja: Nein, Heilung ist, wie ich finde, ein schwieriger Begriff! Das, was der Körper zeigt, ist letztlich nur ein Lösungsversuch der Psyche, irgendwie eine Ungleichheit auszudrücken. Deswegen verstehe ich das gar nicht unbedingt als Heilung, sondern mehr als ein Verstehen des Symptoms.

Mein Ziel ist es, dass die Klient:innen ihre Ziele selbst definieren. Mein mitgedachtes Ziel ist, im allerersten Schritt erst mal eine Akzeptanz für das, was da ist, aufzubauen. Ich bin in Akzeptanz- und Commitment-Therapie fortgebildet und habe gelernt, dass, sobald ich einen Zustand erst mal akzeptiere, Dinge sich bewegen, die man vorher nicht sehen kann. Und von dort aus können wir uns fortbewegen. Dann kann das Ziel sein, dass ich meine Grenzen respektiere und verbalisiere. Dann kann das Ziel sein, dass der Geschlechtsverkehr mit meinem Partner funktioniert, vielleicht erstmal ohne Penetration. Das Ziel kann aber auch sein, wieder penetrativen bzw. cirklusiven¹ Sex zu haben. Das ist sehr individuell und ich würde das Ziel nicht vorgeben. 

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Vanessa: Ich würde mit dir kurz dazu sprechen wollen, wie man überhaupt Klient:in werden kann und welche Voraussetzungen es gibt. Übernimmt die Krankenkasse die Behandlung und braucht man eine Überweisung? 

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Katja: Die Leute kommen mit einer Verordnung. Sie können aber auch privat kommen, weil ich zusätzlich Heilpraktikerin für Ergotherapie bin. Das heißt, wenn jemand von Ärzt:innen keine Verordnung bekommt, was durchaus auch mal passiert, würde ich dich zunächst empowern, es nochmal zu probieren. Du zahlst Krankenversicherung, du hast Symptome, du hast eine Diagnose, also hol dir eine Verordnung.

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Vanessa: Von wem können die Verordnungen kommen? Hausärzt:innen, Gynäkolog:innen?

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Katja: Genau, die können von Psychiater:innen, von Hausärzt:innen und von Gynäkolog:innen kommen. Viele Gynäkolog:innen wissen es nicht, aber sie können Verordnungen ausstellen. Das ist manchmal ein langwieriger Prozess. Dann würde eine Klientin eine Verordnung über psychisch-funktionelle Ergotherapie bekommen, meist mit einer orientierenden Behandlungsmenge. Das bedeutet, man bekommt um die 40 Einheiten, festgeschrieben ist die Anzahl der Behandlungen nicht. Mit 40 Einheiten bin ich bei einer Vaginismus-Klientin in der Regel noch nicht fertig. 

Dann gibt es aktuell noch die Möglichkeit zu einer Blankoverordnung, wo der Arzt für PS3, also chronifizierte psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörung, die natürlich auch in Kombination auftreten können, verordnet. Da habe ich als Ergotherapeutin auch mehr Freiheit. 

Es gibt in der Ergotherapie wie in der Physiotherapie immer einen Selbstzahlerbetrag. Das ist im Vergleich zu einer privaten Therapie nicht viel, aber für manche ist es das eben doch.

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Vanessa: Es gibt viele Menschen, die bei Erkrankungen wie Vaginismus versuchen in eine Psychotherapie zu gehen. Aber zu dir zu gehen, klingt nach einer sehr guten Alternative! Ist es bei dir einfacher einen Platz zu bekommen oder bist du auch randvoll?

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Katja: Ich habe eine Warteliste von ungefähr acht Monaten. Ich habe auch den Zusatz, dass ich digital arbeite. Das heißt, da sind auch immer ein, zwei Plätze, die fluktuieren. Aber die Wartezeit ist generell ähnlich lang wie bei der Psychotherapie. Ich würde jedoch immer empfehlen, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Klar, man hat einen Leidensdruck, aber ein halbes Jahr ist auch schnell vergangen.

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Vanessa: Gibt es kleine Hausaufgaben, die du deinen Klient:innen mitgibst? 

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Katja: Ich gebe manchmal kleine Impulse mit und die sind tatsächlich sehr aus meiner Intuition und der Situation heraus. Ich schaue, was denn in der Selbstbeobachtung für die nächsten zwei Wochen gut wäre, wahrzunehmen. Und Wissen und Übungen zur Atmung gebe ich sowieso immer mit. Manchmal setzen wir auch ein Ziel fest, eine ganz konkrete Alltagssituation - vielleicht zur Abgrenzung. 

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Vanessa: Du hattest es zwischendurch angesprochen, dass Vaginismus häufig auch mit anderen Erkrankungen oder Störungen auftritt, wie Depressionen oder die Endometriose. Was sind deine Erfahrungen - Wo siehst du Zusammenhänge?

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Katja: Bei Depressionen und Vaginismus sieht man häufig, dass die beiden Erkrankungen zusammen auftreten. Dabei ist oft unklar, was zuerst aufgetreten ist und die jeweils andere Erkrankung ausgelöst hat. Es ist das Henne-Ei-Prinzip. Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung kann auch in Begleitung von Vaginismus vorhanden sein. Du kannst dir vorstellen, immer wenn Menschen ein Thema haben mit Abgrenzung und sich das im Alltag summiert, macht das, was mit der Psyche. Am Ende steht da eine Diagnose, aber eigentlich ist es eine Ansammlung von Schwierigkeiten, mich anzupassen, mich abzugrenzen, für mich einzustehen. In der Regel ist es schon die Depression oder die Angststörung, die da in Begleitung kommt.

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Vanessa: Katja, was treibt dich an? Du gibst Workshops, du bildest gemeinsam mit Ann-Kathrin Foß Physiotherapeut:innen und Ergotherapeut:innen im Bereich Sexualität weiter.

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Katja: Ich finde es einfach total belebend, mich mit Menschen zu dem Thema auszutauschen und ihnen auch so eine Haltung mitzugeben. Dabei gebe ich ihnen nicht meine Haltung weiter, sondern begleite Menschen dabei, eine eigene Haltung zu entwickeln. Das feuert mich an. Ich liebe es, in einen Raum zu gehen und lauter unsichere Menschen sowie Menschen mit Scham zu sehen, und am Ende gehen diese Menschen empowered und sicher über ein Thema aus dem Raum. Das halte ich für einen mega geilen Prozess. 

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Vanessa: Und was sind deine Hoffnungen? 

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Katja: Ich wünsche mir, dass die Menschen zu ihrer Sexualität stehen dürfen, dass sie dafür respektiert werden, dass Menschen für jedwede sexuelle Orientierung oder Identität akzeptiert werden. Für meinen Bereich wünsche ich mir, dass Menschen im Gesundheitswesen ausgebildet sind, um über sexuelle Gesundheit zu sprechen. Betroffenen wird so viel Leidensdruck genommen, wenn da jemand vor einem sitzt, der sich auskennt und herausfinden kann, wie hoch der Leidensdruck ist und wie viel Lebensqualität vorliegt.

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Vanessa: Eine wünschenswerte Welt, die du da malst! Was ich als Betroffene so wichtig finde, ist die Vernetzung. Ich finde es wichtig, dass eine Physiotherapeutin mir sagen kann, dass mir eine Ergotherapie als Ergänzung guttun würde und ich dadurch beispielsweise von Ann-Kathrin auf dich aufmerksam gemacht werden kann. Etwas, das meine Gynäkologin nicht leisten konnte. Was ich so toll an deiner Arbeit finde, ist, dass es immer mehr Menschen gibt, die zuhören und die wissen, wovon sie sprechen. Menschen, die auch sagen können, dass sie in einem Bereich vielleicht nicht so viel Erfahrung haben, aber guten Gewissens eine andere Fachperson empfehlen können. So können wir als Betroffene selbst gucken, was wir brauchen. Nur weil der eine Weg gut bei einer anderen Betroffenen funktioniert hat, muss es nicht der eigene Weg sein. Deswegen finde ich dieses Netzwerk, das ihr aufbaut, großartig!

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Katja: Ja, total. Und eine Selbsthilfegruppe zu gründen ist der größte Grad an Selbstwirksamkeit, den man mit ausschöpfen kann. Wirkungsvoll zu werden bei einer Sache, die einen vielleicht erst mal ohnmächtig macht und frustriert.

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Vanessa: Katja, tausend Dank für das spannende Interview!

 

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¹ Zirklusiver Sex bedeutet, dass die Vagina etwas umschließt. Ich nutze extra das Wort „umschließen“ statt „penetrieren“, also Zirklusion statt Penetration. Es macht Menschen mit Vagina zum aktiven, selbstbestimmten Part.

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