Der Weg zum VagiTalk
- Katha (Der VagiTalk)
- 20. Jan.
- 7 Min. Lesezeit
Ein ehrlicher Erfahrungsbericht einer ehemals Betroffenen
Mit dem Teilen meiner Reise wünsche ich mir, allen Betroffenen Hoffnung zu säen: Hoffnung auf Besserung. Hoffnung auf ein schmerzfreies Liebesleben. Hoffnung auf Freiheit.
INHALTSWARNUNG:
Dieser Text beschreibt persönliche Erfahrungen mit Schmerzen, Sexualität, Vaginismus, medizinischen Untersuchungen und psychischer Belastung. Wenn dich solche Inhalte schnell überfordern oder retraumatisieren können, lies bitte nur in deinem Tempo, mach Pausen oder brich das Lesen ab, wenn es sich nicht gut anfühlt.
Wenn Intimität zur Mammutaufgabe wird
Kennt ihr das: Für Intimität braucht es Vorbereitung. Gute Vorbereitung. Laaaaaaaange Vorbereitung. Ich plane einen möglichst stressfreien, entspannten Tag, bereite mich körperlich mit Dilatorentraining oder einer ausgiebigen, warmen Dusche vor und brauche ein 30–60-minütiges Vorspiel – alles nur in der Hoffnung, dass Penetration vielleicht in einem von hundert Fällen etwas weniger schmerzhaft ist, wenn überhaupt. Vielleicht weiß dein Partner davon. Oder du trägst eine perfekte Maske oder driftest so weit in eine Traumwelt ab, dass dein Partner dein Leiden gar nicht bemerkt.
Puh – ein hartes Stück Arbeit für... ja, für wen eigentlich? Für die Liebe zum Partner? Mit wirklicher Entspannung und „einfach mal gehen lassen“ hat das wenig zu tun. Ich frage mich, wie der berühmte Durchschnitt von „dreimal Sex in der Woche“ überhaupt zustande kommen soll.
Nach dem Liebesakt verschwinden die Schmerzen nicht, sie verändern sich nur. Schmerzhafte Läsionen im Vaginalbereich machen mir noch Tage später den Gang zur Toilette schwer. Dazu kommen starke Verspannungen im Beckenboden, die zu dauerhaften Unterleibsbeschwerden und Menstruationsschmerzen beitragen, sowie Spannungen im Bauch und in den Oberschenkeln. Neben diesen körperlichen Beschwerden stehen zerstörerische Gedanken im Raum: „Was stimmt nicht mit mir? Warum ich? Womit habe ich das verdient? Soll das mein Leben lang so weitergehen? Welcher Partner akzeptiert mich so, wie ich bin? Bin ich überhaupt Frau genug?“
Lass mich dir meinen Weg skizzieren, denn es geht auch anders. Es ist ein Weg, der Ausdauer erfordert, Zweifel mit sich bringt und mich an meine Grenzen geführt hat – aber ein Weg, den es sich lohnt zu gehen, schon allein, um den Ballast loszulassen, den Vaginismus mit sich bringt.
Erste Hinweise und die Diagnose Vaginismus
Als ich mit 11 Jahren merkte, dass Tampons für mich keine Option sind, dachte ich nur, das sei eben komplizierter bei mir. Mit 16 waren Mini-Tampons die äußerste Notlösung – nur mit viel Salbe, Gleitgel oder Vaseline, möglichst viel Entspannung und mehreren Anläufen. Nach meinem ersten sexuellen Kontakt wusste ich: Das brauche ich nicht. Trotzdem tat ich es meinem Partner zuliebe immer wieder. In meinem Nervensystem entstanden Autobahnen, auf denen „Sex = Schmerz = Ohnmacht“ immer wieder befahren wurde. Negative sexuelle Erfahrungen mit einem folgenden Partner und eine unerkannte Latexallergie verstärkten mein Leiden zusätzlich. Sexualität wurde zu einem leidigen Muss in der Beziehung.
Über fünf Jahre lang war mein Alltag geprägt von Frauenarztbesuchen wegen massiver Unterleibsschmerzen, wiederkehrenden Blasenentzündungen, Libidoverlust und wachsender Verzweiflung. Irgendwann fasste ich den Entschluss, wegzugehen – weg von dem bekannten Gynäkologen, zu dem Mutter, Schwester und Freundinnen gingen, hin zu einem neuen Gynäkologen, der keine Referenzen gegenüber Bekannten kannte. Das war der erste Schritt in Richtung Veränderung, wie sich nachträglich herausstellte.
Keine zwei Wochen später stand zum ersten Mal ein Wort im Raum, das ich noch nie gehört hatte:
Vaginismus. Vaginismus beschreibt eine unwillkürliche, starke Anspannung der Beckenbodenmuskulatur, die Penetration sehr schmerzhaft oder unmöglich machen kann. Und das im Jahr 2012, als es im deutschsprachigen Raum kaum Informationen dazu gab. Auf meinen Unglauben folgten erst Verdrängung und dann wieder die vertraute Verzweiflung: „Kann das wirklich auf mich zutreffen?“.
Ich wollte weitermachen wie bisher. Doch meine dritte Beziehung führte schließlich dazu, dass nicht einmal mehr ein Tampon einführbar war. Körperlich war ich gesund, hieß es. Psychisch sollte Vaginismus behandelbar sein. Mit meinem damaligen laienhaften Wissen über Psyche und Körper war das für mich unvorstellbar: Wie soll „nur die Psyche“ solche Schmerzen auslösen – und wie sollte Therapie heilen, wo ich doch nie etwas anderes gekannt hatte?
Mein erster Therapieweg: Verhaltenstherapie und PMR
Voller Scham fand ich einen psychologischen Psychotherapeuten, der zufällig auch Sexualtherapeut war. Dank der Überweisung meiner Frauenärztin bekam ich 2012 schnell einen Therapieplatz. Damals war ich ein völlig anderer Mensch: Verspannt, verschämt, von Scham nahezu durchdrungen.
Ich fragte mich, was es bringen soll, über Stärken und Schwächen zu sprechen, Bedenken zu sortieren, Ressourcen und Glaubenssätze aufzubauen. PMR – Progressive Muskelrelaxation – ist eine
Entspannungstechnik, bei der Muskelgruppen bewusst angespannt und wieder entspannt werden, um den Körper insgesamt ruhiger werden zu lassen. Für mich wirkte das anfangs völlig losgelöst vom Thema Penetration. Doch all diese vermeintlich kleinen Bausteine starteten einen Prozess: Sie brachten den Ball ins Rollen.
Damals lebte ich noch im liebevollen, aber strengen Elternhaus. Mein Kommen und Gehen musste ich zwar nicht immer begründen, aber ich sollte sagen, wo ich bin und wann ich zurückkomme. Für ein bis zwei wöchentliche Termine gute Ausreden zu finden, ohne „einfach zu lügen“, war eine Mammutaufgabe. Also überwand ich mich – als verschlossene, schambehaftete junge Frau aus einem konservativen Elternhaus – und erzählte meiner Mutter von meinem Problem. In diesem Moment fiel ein riesiger Brocken Last von mir, und stattdessen entstand Raum für ehrliche Gespräche.
Mit jedem Therapietermin, jeder eingeweihten Freundin und mit jedem offenen Gespräch bei einem Date zum Thema Vaginismus wuchs mein Mut, darüber zu sprechen. Es gab verletzende Reaktionen, aber es gab noch mehr Unterstützung, Verständnis und Mitgefühl.
Arztbesuche und Gespräche bei Beratungsstellen wie pro familia endeten immer wieder mit Sätzen wie: „Geben Sie gerne meine Nummer weiter, wenn sich nochmal jemand mit Vaginismus bei Ihnen meldet.“ Nur: Es meldete sich niemand. Ich traf keine Person, die auch nur ansatzweise von ähnlichen Erfahrungen berichtete. Die Sehnsucht nach Austausch blieb unerfüllt.
2013 fasste ich innerlich einen Entschluss: Wenn ich irgendwann einen Weg aus dem Vaginismus finde, werde ich darüber sprechen – öffentlich. Ich wollte das sein, was ich damals vergeblich gesucht hatte: Eine Stimme, eine Geschichte, ein „Du bist nicht allein“.
Schwangerschaft, Geburt und besondere Feinfühligkeit
In den Jahren 2014 bis 2017, nach der Verhaltenstherapie (aus der vor allem die PMR blieb), wusste ich nicht, dass ich zusätzlich eine tiefenpsychologische Therapie hätte beginnen können – oder vielleicht sogar sollen. Gemeinsam mit einem liebevollen, geduldigen Partner erlebten wir Lichtblicke, feierten jeden kleinen Erfolg und trugen Rückschläge im Team. 2017 wurde ich – trotz Vaginismus – auf natürlichem Weg schwanger.
Als Vaginismus-Betroffene war ich extrem feinfühlig. Jedes Ziehen, jedes Zwicken nahm ich wahr, das andere vielleicht gar nicht bemerkt hätten. Jede gynäkologische Untersuchung war von gegensätzlichen Gefühlen geprägt: Auf der einen Seite die Sorge um mein Kind, auf der anderen Seite die Angst vor der Untersuchung und vor der Geburt selbst. Meine Gynäkologin setzte das Spekulum nur im Notfall ein und untersuchte so schonend wie möglich, damit mein Kind und ich so wenig Stresshormonen wie möglich ausgesetzt waren. Ärztinnen und Therapeuten vermittelten mir: Die Hormone, die eine Geburt einleiten, unterstützen den Körper, das Kind auf die Welt zu bringen – unabhängig davon, was der Vaginismus „denkt“. Dieses Vertrauen in meinen Körper schenkte mir ein wirklich schönes Geburtserlebnis.
Und hier liegt mir ein Punkt besonders am Herzen:
Trotz Vaginismus durfte ich eine wunderschöne, problemfreie Schwangerschaft und Geburt erleben. Die Angst war da, die Feinfühligkeit auch – und trotzdem hat mein Körper getragen, gehalten und geboren. Für mich war das ein tiefes Zeichen von Stärke und Selbstheilungskraft.
Was sich leider nicht erfüllte: Der heimliche Wunsch, dass Vaginismus sich mit der Geburt „mit verabschiedet“. Er blieb.
Mein zweiter Therapieweg: Tiefenpsychologie, Imagination und Vaginismus als beste Freundin
2019 begann ich eine tiefenpsychologische Therapie. Sie half mir, mich selbst besser kennenzulernen, mich wertzuschätzen und meine Geschichte einzuordnen. Ich lernte Imaginationen kennen – innere Bilder und geführte Vorstellungsreisen, mit denen ich meine emotionalen Päckchen sortieren konnte.
In dieser Zeit verstand ich einen entscheidenden Zusammenhang:
Wenn es mir emotional schlecht ging, reagierte mein Körper. Der Vaginismus zeigte mir über Schmerzen und Verspannung: „Stopp, kümmere dich um dich.“ Intimität war dann schlicht nicht möglich. In stabileren Phasen dagegen waren Entspannung und Intimität machbar.
An diesem Punkt begann ein radikaler Perspektivwechsel: Ich hörte auf, Vaginismus als meinen Feind zu betrachten. Stattdessen begann ich, ihn als eine Art beste Freundin zu sehen – streng, unbequem, aber letztlich schützend:
Sie hat mich gebremst, wenn ich über meine Grenzen gegangen wäre.
Sie hat mich gezwungen hinzuschauen, wo ich mich sonst selbst ignoriert hätte.
Sie hat mich gedrängt, an meinen Themen zu arbeiten, damit ich die beste Version meiner selbst werden kann.
So wurde Vaginismus für mich im Großen und Ganzen zu einem Geschenk. Ein schmerzhaft verpacktes Geschenk – aber eines, das mich auf einen tiefen Weg zu mir selbst geschickt hat: Zu mehr Selbstrespekt, mehr Selbstfürsorge und mehr Klarheit darüber, wie ich Beziehung und Sexualität leben möchte.
Der Gedanke, dass Imaginationen und EMDR – eine traumatherapeutische Methode mit bilateraler Stimulation – sogar Menschen mit schweren Kriegstraumata helfen können, brachte mich auf eine Idee. Ich kombinierte das, was ich aus der Verhaltenstherapie (PMR) und der tiefenpsychologischen Arbeit gelernt hatte, und begann, mir in Imaginationen ganz konkret ein schmerzfreies, liebevolles Liebesleben vorzustellen.
Und dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:
Es war, als würde ein Knoten platzen. Von einem Tag auf den anderen verabschiedete sich der Vaginismus.
Er kam seitdem nicht zurück.
Bin ich wirklich geheilt?
Trotzdem blieb eine Frage lange in mir: Woher weiß ich, dass ich wirklich geheilt bin?
Es dauerte etwa sechs Monate, bis ich es selbst glauben konnte. Ich spürte innerlich ständig nach: „Ist da noch etwas? Kommt der Schmerz zurück?“ Aber da war – nichts. Selbst meine Menstruationsprobleme verschwanden.
Mein Partner brauchte nochmals ungefähr zwei Jahre, bis die Angst, mir wehzutun, allmählich nachließ. Auch seine Geschichte gehört dazu – Heilung betrifft nicht nur den Körper, sondern immer das gesamte Beziehungssystem.
Heute lautet meine Antwort:
Ich bin geheilt, wenn ich meine Heilung nicht mehr in Frage stelle und Vaginismus in meinem Liebesleben kein Thema mehr ist. Und gleichzeitig bleibt ein leiser Respekt: Vaginismus war lange an meiner Seite – als schmerzhafte, aber ehrliche Begleiterin, die mich gelehrt hat, mich selbst ernst zu nehmen.
Wie aus meiner Geschichte eine Selbsthilfegruppe wurde
Aus dieser Erkenntnis heraus, ging ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit:
Der VagiTalk - eine Online-Selbsthilfegruppe entstand.
Ich traf auf eine wertvolle, liebevolle und große Community aus Betroffenen, ehemals Betroffenen,
Sexualtherapeut:innen, Gynäkolog:innen, Beckenbodentherapeut:innen, Physiotherapeut:innen,
Produktanbieter:innen etc. die alle am gleich Ziel arbeiten: Prävention - Unterstützung - Heilung.
Aus dem Gedanken: „Wenn ich nur einer Frau mit meiner Geschichte ein winziges bisschen helfen kann, habe ich mein Ziel erreicht.“ ist eine wundervolle Selbsthilfegruppe geworden, in der wir Erfahrungen teilen, kleine Schritte feiern, Rückschläge gemeinsam tragen und einander wertschätzende Unterstützung bieten – damit Vaginismus weniger einsam macht und mehr Frauen den Mut finden, ihren eigenen Weg zur Heilung zu gehen.
Katha ist ehemalige Vaginismus und Vulvodynie Betroffene. In ihrer online Selbsthilfegruppe “Der VagiTalk" bietet sie angeleitete Gesprächsthemen und lädt regelmäßig Expert*innen zum Thema sexuelle Gesundheit und Behandlungsalternativen ein. Auf der VagiTalk Instagram-Seite findet ihr alle wichtigen Infos dazu.
Außerdem findet ihr auf Spotify Podcast-Folgen zum VagiTalk, in denen sie aufklärt und hilfreiche Tipps weitergibt. Ein Podcast für alle Menschen, die an den Themen Sex, Vaginismus und Tabus interessiert sind.
Kontaktmöglichkeiten
E-Mail: dervagitalk@gmail.com
Instagram: @dervagitalk
Spotify: Der VagiTalk



